r Wenn die Erinnerung verblasst
Marianne Pletscher, Martina Rieser, Switzerland, 2026o
Birgitta Martensson has been living with Alzheimer’s for eleven years – and she insists that her life is still a good one. With humour, openness and sheer willpower, Birgitta fights to retain her independence, even though control over her own life is increasingly slipping from her grasp. One thing is certain for her: a care home is out of the question. Over the course of almost three years, the filmmakers follow Birgitta and her best friend Christiane on their journey.
Warum horche ich auf, wenn ich erfahre, dass die langjährige Direktorin von «Alzheimer Schweiz» an Alzheimer erkrankt ist? Auch Zahnärzte sind nicht vor Karies gefeit. Bei Birgitta Martensson aber kommen Wissen, Engagement und Haltung dazu – und die Bereitschaft, ihre Erkrankung vor der Kamera öffentlich zu machen. Die Schweizer Dokumentarfilmerinnen Martina Rieder und Marianne Pletscher begleiten sie über fast drei Jahre. Anfangs ist Martensson voller Energie, klarsichtig, entschlossen und humorvoll. Das Leben sei mit der Diagnose nicht zu Ende. Sie könne sich vorbereiten und rechtzeitig mit Exit aus dem Leben scheiden, bevor ihre Autonomie verloren gehe. Davon ist sie überzeugt und davon will sie ihre Umgebung überzeugen.
Doch der Alltag setzt ihrem Mantra der fröhlichen Selbstbestimmtheit zunehmend Grenzen. Erst findet sie den Senf nicht mehr, später kann sie kein Zugbillet mehr lösen. Ob sie noch autofahrtauglich ist, bleibt im Film unklar; sie fährt weiter, zum Entsetzen ihrer besten Freundin Christiane Kühne. Diese ringt mit dem Rollentausch, will Birgitta unterstützen – ausser beim Aufgebot von Exit. Hier liegt das grosse Dilemma: Der selbstbestimmte Abgang setzt Urteilsfähigkeit voraus. Wenn Zweifel daran auftauchen, ist es zu spät. Auch Freundschaft, Abhängigkeit und der Schmerz der Angehörigen stehen im Raum, oft unausgesprochen.
Wenn die Erinnerung verblasst ist schön, traurig und schmerzlich ehrlich. Mit Optimismus, Humor und der Härte der Entwicklung ergänzt und korrigiert er Kaspar Kasics' aktuellen Dokumentarfilm Das unendliche Jetzt: Beide zeigen, dass das Leben mit Alzheimer nicht zu Ende ist. Rieder und Pletscher blenden aber auch das Ende der Autonomie nicht aus. Wer sich mit Demenz auseinandersetzt – früher oder später fast alle –, tut gut daran, beide Filme zu sehen.
Michael SennhauserGalleryo
