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The Florida Project

Sean Baker, USA, 2017o

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The story of a precocious six year-old and her ragtag group of friends whose summer break is filled with childhood wonder, possibility and a sense of adventure while the adults around them struggle with hard times.

Regisseur Sean Baker zeigt den Niedergang der amerikanischen Mittelklasse in einer Mischung aus Fiktion und Dokumentation. Das ist zum Glück kein Deprostück, sondern eine launige, aus Kinderperspektive erzählte Episodengeschichte -- fast so gut wie der Serienklassiker «The Little Rascals». Willem Dafoe erhielt eine Oscarnomination als bester Nebendarsteller.

Hans Jürg Zinsli

Ein Feriensommer ganz ohne Aufsicht der Erwachsenen - ist das nicht seit Astrid Lindgren ein klassischer Kindheitstraum? Die sechsjährige Moonee (Brooklynn Prince) erlebt selbsterfundene Abenteuer rund um das schäbige Highway-Motel in Florida, in dem sie mit ihrer sehr jungen Mutter Halley (Bria Vinaite) wohnt. Disneyworld ist nur einen Steinwurf entfernt, aber unnereichbar und unbezahlbar. Selten hat man Kinder vor der Kamera bezaubernder agieren sehen. Ihre Fantasie scheint unbesiegbar - doch Regisseur Sean Baker blendet auch die bittere Realtität der Armut nicht aus.

Tobias Kniebe

Rares sont les films qui captent aussi bien l'énergie volatile, la spontanéité crue de I'enfance, la toute puissance de son imaginaire.

Cécile Mury

Galleryo

The New York Times, 7/23/2018

From Cara Buckley

All rights reserved The New York Times. Provided by The New York Times Archiv
3/13/2018
Lila Magie gegen Micky Maus

In Sean Bakers Film „The Florida Project“ finden die Verlierer des amerikanischen Traums ihr Paradies in billigen Hotels. Um die Ecke liegt Disneyland.

From Bert Rebhandl

Das Zauberschloss hat einen neuen Anstrich bekommen. Alle Außenwände sind jetzt lila. Für einen unbefangenen Betrachter mag das ein wenig merkwürdig wirken, aber das „Magic Castle“ ist ja kein Sterne-Hotel. Hier kostet eine Nacht 38 Dollar, und die Konkurrenz ist das Futureland Inn, das mit einer Rakete für sich wirbt. Manchmal kommen Leute ins „Magic Castle“ und wollen ihre Hochzeitsreise hier verbringen. Sie sind dann entsetzt, und meistens stellt sich heraus, dass sie eigentlich das „Magic Kingdom“ gebucht haben, ein deutlich besseres Hotel, in dem sie vermutlich auch sichergehen können, nicht auf Kinder wie Moonee oder Scootey zu treffen.

Für die beiden ist das „Zauberschloss“ hingegen ein wahres Paradies. Überall gibt es hier Gelegenheit, etwas anzustellen. Der große rote Schalter, mit dem man die gesamte Stromversorgung des Gebäudes lahmlegen kann, sieht einfach zu verführerisch aus, als dass man ihn nicht einmal umlegen müsste. Dann muss Bobby wieder ausrücken, der Hausmeister des Hotels, der eigentlich ein langmütiger Typ ist, dem die Kinderschar aber gelegentlich über den Kopf wächst. Denn Moonee und Jancey sind nicht die Einzigen, die im „Magic Castle“ oder im „Futureland Inn“ leben. Zwar sind diese billigen Hotels eigentlich nicht für längere oder gar dauerhafte Aufenthalte gedacht. De facto aber sieht man in Sean Bakers Film „The Florida Project“ eine ganze Menge von solchen Gästen.

Man könnte sich durchaus fragen, ob das nicht eigentlich das heimliche Geschäftsmodell dieser Beherbergungsbetriebe ist. Es gibt aber noch ein naheliegendes anderes: Gleich um die Ecke liegt Disneyland, genauer gesagt der Magic Kingdom Park im Disney World Resort. Und der zieht so viele Gäste an, dass sich drum herum ein ganzes Einzugsgebiet entwickelt hat. Der Vergnügungspark strahlt ab, er macht aber auch Druck, selbst eine kleine Eisbude muss hier aussehen wie eine Attraktion (mit viel Vanille auf dem Dach), und ein Obstladen hat selbstverständlich die Form einer Orange.

Dem Menschenbild von Disney entspricht sie nicht

Es ist eine merkwürdige Kulturlandschaft, die Moonee und Scootey (und bald ihre neue Freundin Jancey) jeden Tag erkunden. Für die Schule sind sie noch zu klein, von so etwas wie einer Kita hat man in diesem Teil von Florida vielleicht noch nie etwas gehört. Die Mütter sind selbst noch jung. Die von Scootey hat immerhin einen Job, sie arbeitet in einem Fastfoodrestaurant. Halley hingegen, die Mutter von Jancey, hat sich schon überall beworben, aber nur Absagen bekommen. Für eine Stelle bei dem wichtigsten Arbeitgeber in der Gegend kommt sie nicht in Frage.

Den Grund muss man sich dazudenken: Halley ist eine hübsche junge Frau, aber stark tätowiert, und sie trägt auch ein Piercing in der Unterlippe. Damit entspricht sie auf jeden Fall nicht dem Menschenbild von Disney. Sie versucht sich mit kleinen Geschäften über Wasser zu halten, verkauft Parfüm auf der Straße, später empfängt sie auch Männer in ihrem Zimmer. Da muss Moonee dann für eine Weile ins Bad, und Bobby (gespielt von Willem Dafoe, dem einzigen Star des Films) wieder einmal ein Auge zudrücken.

Die Zeit ihrer Freiheit wird wohl bald ablaufen

Das prekäre Leben wirkt aber nicht bedrückend auf die kleinen Helden. Im Gegenteil geht es Sean Baker mit „The Florida Project“ wohl um die Spannung zwischen der Unverwüstlichkeit der Kinder und den schwierigen sozialen Umständen. Zwischen den Hotels, Imbissen, Kliniken und Souvenirshops und den allgegenwärtigen Billboards, die für irgendwelche Deals werben, ist viel Platz, um sich irgendwo in die Büsche zu schlagen, um ein Loch in einem Zaun zu finden und in eine Investitionsruine einzusteigen. In einem der leerstehenden Häuser, auch sie in einer eher offensiven Farbe verputzt, malt Moonee sich aus, wie es wäre, ein Heim zu haben: Hier würde sie das Bett hinstellen, und hier das Bücherregal. Als die Häuser abbrennen, geraten die Kinder unter Verdacht, und zwischen Moonee und Scootey (und den Müttern, die eigentlich dicke Freundinnen sind) herrscht erst mal Funkstille.

Sean Baker machte vor drei Jahren mit dem Film „Tangerine L.A.“ auf sich aufmerksam, einer Geschichte, die strukturelle Ähnlichkeiten mit „The Florida Project“ hatte. Dort war Hollywood das konkrete wie imaginäre Zentrum, von dessen Peripherie der Regisseur erzählte. Sein gesellschaftspolitischer Realismus hat einen doppelten Boden (oder eine doppelte Decke): Er misst die sozialen Umstände nicht an einem irgendwie anzunehmenden Normalzustand, sondern an den maßgeblichen künstlichen Paradiesen, die Amerika hervorgebracht hat. Moonee ist ein „enfant sauvage“, ein noch nicht vollständig sozialisiertes Kind, das man in „The Florida Project“ schon die ganze Zeit unter dem Vorbehalt sieht, dass die Zeit ihrer Freiheit wohl bald ablaufen wird. Sobald sie in den Griff der Behörden und der Institutionen gerät, muss dieser eigentümliche Naturzustand enden, der in „The Florida Project“ eine zentrale Idee der Geschichte ist.

Der amerikanische Traum, seltsam verstrahlt

Moonee ist eine Wahlverwandte von Hushpuppie aus dem erfolgreichen Independent-Film „Beasts of the Southern Wild“ (2012) von Benh Zeitlin, der von einer Kolonie von Übriggebliebenen in Louisiana erzählte, denen das Wasser und die Behörden allmählich die Existenzgrundlage rauben. Disney ist eine Chiffre für eine Kolonisierung der Kindheit, die „rides“ an die Stelle von Streifzügen setzt und Märchen in lebensgroße Puppenstuben verwandelt.

Es wäre trivial, würde Sean Baker dagegen einfach eine ursprüngliche Autonomie feiern, die unausweichlich an den schwierigen Umständen scheitert. Aber „The Florida Project“ weiß genug von der Unmöglichkeit jeglicher Formen des auch nur vorübergehenden Aussteigens, um die Expeditionen der (großartig besetzten) Kinder nicht von vornherein in das Zeichen dieser Widersprüche zu setzen. Die Farben, die der Kameramann Alexis Zabe hervorhebt, die staunenden Optiken, die grandiosen Abendstimmungen, das alles wird hier deutlich als Filmbild ausgewiesen, als artifizielle Umgebung und zweite oder dritte Natur. Der amerikanische Traum ist in „The Florida Project“ auf eine seltsame Weise verstrahlt, und Moonee trägt diesen zwiespältigen Zauber schon in sich, von dem man am Ende immerhin sagen kann, dass die „lila Magie“ zumindest für die Dauer eines Films die schwarze Magie der übermächtigen Konsumkultur überwogen hat.

All rights reserved Frankfurter Allgemeine Zeitung. Provided by Frankfurter Allgemeine Zeitung Archiv
1/14/2018

From Till Brockmann

All rights reserved Filmbulletin. Provided by Filmbulletin Archiv
Les Inrocks, 12/14/2017

From Théo Ribeton

All rights reserved Les Inrocks. Provided by Les Inrocks Archiv
Videokritik
Bert Rebhandl / Frankfurter Allgemeine Zeitung
de / 3/11/2018 / 3‘32‘‘

Interview with Director Sean Baker
N.N. / DP/30: The Oral History of Hollywood
en / 10/10/2017 / 32‘32‘‘

Sean Baker: Screenwriters’ Lecture
Sean Baker / BAFTA
en / 1/29/2018 / 88‘48‘‘

Anatomy of a Scene
Sean Baker / The New York Times
en / 1/25/2018 / 1‘54‘‘

8mm Amateur Film from Walt Disney World (1971)
/ Mark Holtze
en / 1/14/2017 / 3‘31‘‘

Movie Datao

Genre
Drama
Running time
111 Min.
Original language
English
Ratings
cccccccccc
IMDb7.6/10

Cast & Crewo

Willem DafoeBobby
Brooklynn Kimberly PrinceMoonee
Bria VinaiteHalley
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Bonuso

iVideo
Videokritik
Frankfurter Allgemeine Zeitung, de , 3‘32‘‘
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Interview with Director Sean Baker
DP/30: The Oral History of Hollywood, en , 32‘32‘‘
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Sean Baker: Screenwriters’ Lecture
BAFTA, en , 88‘48‘‘
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Anatomy of a Scene
The New York Times, en , 1‘54‘‘
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8mm Amateur Film from Walt Disney World (1971)
Mark Holtze, en , 3‘31‘‘
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gText
Essay: The Magic and Hardship of "The Florida Project"
The New York Times / Cara Buckley
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Review Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bert Rebhandl
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Till Brockmann
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Théo Ribeton
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