e

Der Unschuldige

Simon Jaquemet, Switzerland, 2018o

s
vBack

Ruth loves Jesus and works in cutting-edge neuroscience. When her past lover reappears after twenty years in prison her fragile reality comes undone.

Vermutlich der waghalstigste Schweizer Spielfilm, der 2018 in die Kinos kam: Ein Grenzgang zwischen Realität, Wahn und Traum, bei dem sich eine Sektenanhängerin mit einer psychischen und physischen Tour de force dem Zugriff ihrer Familie und Mitsektierer entzieht und einer alten Liebe oder auch nur ihrer inneren Stimme folgt, die vielleicht beide Chimären sind. Der Regisseur, Simon Jacquemet, hat schon mit seinem Erstling Chrieg elementares Kino vorgelegt, der Kraft unerklärter Bilder vertraut und dabei keine Konsequenzen gescheut. In Der Unschuldige geht er seinen Weg mit Siebenmeilenstiefeln weiter und unterläuft den vordergründigen Realismus des Kinos mit ebenso einfachen wie raffinierten Inszenierungseinfällen. Das unappetitliche Milieu der sektiererischen Heilsbramarbasierer sorgt dafür, dass der Film mit maximalem Handicap ins Rennen um die Gunst seines cinephilen Zielpublikums steigt. Doch man lasse sich nicht täuschen: Hier zieht ein junger Schweizer Regisseur alle Register und liefert ein Fantasythrillermelodram auf dem halbirren Niveau eines David Lynch ab.

Andreas Furler

Wo das spielt, getraut man sich kaum zu definieren. Oberwelt, Unterwelt, Seelenwelt? Regisseur Simon Jaquemet hat ein Talent für die intensive Surrealität. Und seine Geschichte hat Kraft, wenn auch die dramatische Logik manchmal etwas ruppig wirkt.

Christoph Schneider

Galleryo

Variety, 9/29/2018

From Peter Debruge

All rights reserved Variety. Provided by Variety Archiv
Tages-Anzeiger, 11/2/2018
In Nebelzonen

«Der Unschuldige»: Glaube, Arbeit und Vergangenheit stürzen über einer Frau zusammen im neuen Spielfilm des Schweizer Regisseurs Simon Jaquemet.

From Christoph Schneider

Der Regisseur Simon Jaquemet fragt nach der Solidität des Wirklichen. Nach der Trittfestigkeit des Bodens unter jemandes Füssen. Oder: nach der Brüchigkeit der Welt, in die man geworfen ist und auf deren haltbare Sicherheitsgeländer man ja mal vertrauen muss, aus Vernunft gegen die Vernunft womöglich und contre cœur.

Jaquemets Dramen spielen also in den Nebelzonen von Herz und Verstand und Realität – dort, wo Geländer weggebrochen sind, Vertrauen verraten wird und Füsse rutschen. Der 1978 geborene Filmemacher hat ein Talent für die erbarmungslose Wendung und die pessimistischste Lebensskepsis.

Grausame Dialektik

In «Chrieg» war das so, dem dunklen, karstigen Debüt (2014), dieser himmeltraurigen Geschichte einer menschlichen Verhärtung und der noch traurigeren von einer Liebe in der Lieblosigkeit. In «Der Unschuldige» jetzt auch, wo die Extreme zerren an der inneren Stabilität einer Frau namens Ruth (Judith Hofmann): Da ist ein freikirchlicher Glaube, der immer ganz naiv zum lieben Jesus und zum guten Vater betet (diese infantilisierte Sprache des Gebets, es ist zum Ohrfeigenverteilen); und da ist eine Wissenschaft, als deren Vertreterin Ruth hilft, Affenköpfe zu transplantieren.

Das muss sie nun aushalten in der grausamen Dialektik von Neurologie und Dämonologie. Und eigentlich ist es gar nicht auszuhalten, und die, die in «Der Unschuldige» den Boden bereiten wollen für die Freundlichkeit, können selbst nicht freundlich sein. Seltsam, gelinde ausgedrückt, ist es, im Nebel zu wandern, wie die Dichter sagen. Denn alle Wege führen ins Verrückte.

Irgendwie so, dramatisch betrachtet: Fast getraut man sich nicht zu definieren, wo das spielt. Oberwelt, Unterwelt, Seelenwelt? Lang siehts nach greifbarer Schweiz aus und nach den handfesten Möglichkeiten einer heterogenen Existenz. Und gewiss ist da eine inszenierte Welt des äusseren Lebens. Ruth, Mann, Kinder, Labore, Gebetsräume, Natur, die nicht Allegorie ist, sogar so etwas wie eine schwülstig-reale Swingerclub-Hölle (allerdings schäumt und brodelt da dann filmisch eine ozeanische Metaphorik von Begehren und Verdammnis, dass Gott erbarm!).

Selbst als es zum Tumult kommt bei, in und um Ruth, psychisch und physisch, weil dieser ehemalige Geliebte aufgetaucht ist nach zwanzig Jahren, ein Ex-Sträfling, der nächtens plötzlich auf dem Kanapee sitzt, obwohl er eigentlich in Indien gestorben ist, gerichtsmedizinisch verbürgt: warum nicht? Zu viel Wahrscheinlichkeit sollte man vom Möglichkeitssinn im Kino nicht erwarten, es tut der Spannung nicht gut; und das Leben hat schliesslich auch schon verrücktere Stücke gespielt.

Spannung aber ist bei Simon Jaquemet, wo die Geschichte quasi splittert, wo der Realismus und der gern so genannte gesunde Menschenverstand Haarrisse bekommen und scharfkantige Schrunden. Da dreht Wirklichkeit um andere Achsen.

Da, denkt man, könnte es wohl sein, dass das alles nur wirklich wirklich ist in der Dunkelkammer eines Wahnsinns. Und diese intensive Surrealität hat erzählerische Kraft, und der Reiz des Rätselns überlebt eine gewisse, sagen wir: Ruppigkeit der Dramenlogik.

Dunkelheit des Komplexen

Wobei dann doch wieder einmal bedacht werden könnte, was jemanden künstlerisch eigentlich umtreibt zwischen Freikirche und Kopftransplantation. Item, obs nicht doch mangelt an solider zureichenden erzählerischen Gründen. Vielleicht steht einem die Frage ja gar nicht zu.

Aber am Ende haben wir doch den Rhesusaffen am meisten geliebt, dem man die natürliche Lebendigkeit gleich ansah. Er hiess Zwetschge, stammte aus Österreich und war wie ein Licht der Einfachheit in der Dunkelheit des Komplexen.

All rights reserved Tages-Anzeiger. Provided by Tages-Anzeiger Archiv
Die Wochenzeitung, 4/15/2019

From Florian Keller

All rights reserved Die Wochenzeitung. Provided by Die Wochenzeitung Archiv
7/16/2018

From Tereza Fischer

All rights reserved Filmbulletin. Provided by Filmbulletin Archiv
Aargauer Zeitung, 3/9/2017

From Lory Roebuck

All rights reserved Aargauer Zeitung. Provided by Aargauer Zeitung Archiv
cineuropa.org, 9/23/2018

From Muriel Del Don

All rights reserved cineuropa.org. Provided by cineuropa.org Archiv
Bericht über Regisseur Simon Jacquemet
/ SRF
de / 10/31/2018 / 04‘20‘‘

Dokumentation über radikale Christen
/ gbs Koblenz
de / 10/28/2018 / 43‘21‘‘

Interview with director Simon Jaquemet
/ Festival San Sebastián
en / 10/28/2018 / 02‘33‘‘

Movie Datao

Other titles
The Innocent FR
The Innocent EN
Genre
Drama, Crime/Thriller, Fantasy
Running time
114 Min.
Original language
Swiss German
Ratings
cccccccccc
ØYour rating7.0/10
IMDB user:
5.9 (113)
cinefile-user:
n.a.
Critics:
8.0 (1) q

Cast & Crewo

Judith HofmannRuth
Christian KaiserHanspeter
Urs-Peter WoltersPfarrer
MORE>

Bonuso

iVideo
Bericht über Regisseur Simon Jacquemet
SRF, de , 04‘20‘‘
s
Dokumentation über radikale Christen
gbs Koblenz, de , 43‘21‘‘
s
Interview with director Simon Jaquemet
Festival San Sebastián, en , 02‘33‘‘
s
gText
Review Variety
Peter Debruge
s
Review Tages-Anzeiger
Christoph Schneider
s
Review Die Wochenzeitung
Florian Keller
s
Review Filmbulletin
Tereza Fischer
s
Review Aargauer Zeitung
Lory Roebuck
s
Review cineuropa.org
Muriel Del Don
s
We use cookies to offer you an individually customized service (for details see our privacy policy.) By continuing to surf on cinefile.ch you agree to our cookie policy.