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San Gottardo

Villi Hermann, Switzerland, 1977o

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A film about emigration, the “exodus” brought about by the construction of the two Gothard tunnels – the railway tunnel (1872-1882) and the road tunnel (1969-1976). People migrated from one country to another, from one civilization to another, and different social mores and customs were confronted with each other. The film shows the parallels between the two tunnel constructions and makes economic, financial and social comparisons.

Villi Hermann geht in seinem Film über die persönlichen Schicksale hinaus: Er lässt uns darüber nachdenken, wie man Geschichte schreibt, indem er die etablierten, von Alfred Escher und Louis Favre geprägten Mythen über den Tunnelbau demontiert. Der Regisseur hält sich ans dokumentarische Material – nicht an ihre Interpretation – und gibt denjenigen eine Stimme, die sie nie hatten.

Antonio Mariotti

Galleryo

Tages-Anzeiger, 11/22/1977
Der Autor befragt das Geschehen am Gotthard.

Zu Villi Hermans Film «San Gottardo» im Zürcher Kino «City»

From Jörg Huber

Vor hundert Jahren (1872—82) wurde der Gotthard-Eisenbahntunnel nach den Plänen des Genfer Ingenieurs Louis Favre gebaut, unter der finanziellen und politischen Führung des Zürchers Alfred Escher. Heute sind die 1969 in Angriff genommenen Bauarbeiten für den Strassentunnel in vollem Gange: ein Doppelereignis, das zum Vergleich provoziert. Die Herausforderung hat der Tessiner Regisseur Villi Herman in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm (besser: szenische Dokumentation) «San Gottardo» angenommen.

Auf dem Plakat zu Hermans Film lenkt der Götterbote Hermes sein Dampfross, die gebändigte Kraft der Technik, dem in der Ferne in Licht getauchten Mailänder Dom zu. Festredner verklären das Ereignis der Tunnelbauten als heroische Tat menschlichen Willens und als Triumph der Technologie. Ideologisches Pathos erhebt Geschichte zum Mythos. Die Arbeiter ihrerseits sangen ein Lied, das begann mit «Maledetto sia il Gottardo»; das «verflucht» steht auch in den Augen der heutigen Arbeiter. Dieser Zorn führte die Hand von Vincenzo Vela, dessen den Arbeitern gewidmetes Denkmal zu Beginn des Films enthüllt wird. (1883 wurde das Werk beendet, 1932 erst aufgestellt!) Das Ende des Films bildet die schwülstige Einweihung des Escher-Monuments in Zürich.

Gesellschaftspolitische Gegensätze

Die Gegenüberstellung im historischen Vergleich und die gesellschaftspolitischen Gegensätze bestimmen das Bauprinzip von Hermans Film. In einer szenischen Folge stellen Berufsschauspieler (u. a. Hans-Dieter Zeidler, Maurice Aufair, Roger Jendly, die Compagnia del Colletivo di Parma) und die Bevölkerung von Chironico und Andermatt die Geschehen des letzten Jahrhunderts dar. Bauarbeiter von heute spielen die Werktätigen von damals. Sehr zurückhaltend ist diese raffinierte Idee ins Bild umgesetzt: Man ist überrascht, wenn ein Arbeiter von heute, der eben noch seine Lage geschildert hat, plötzlich als Streikender in den Göschener Unruhen von 1875 auftritt.

Aktuelle Dokumentarsequenzen

In die historische Rekonstruktion flicht der Regisseur Dokumentarsequenzen von der aktuellen Baustelle ein: Mittels zweier filmischer Techniken versucht er, die historisch getrennten Ebenen in Beziehung zu setzen. In dieser gegenseitigen Bespiegelung liegt eine Chance und die Gefahr des Films: Herman bleibt nicht am äusserlichen Geschehen kleben. Er will nicht Geschichte illustrieren, er will Fragen stellen: so dringt er tiefer vor, zu den sozialen und politischen Wurzeln der Ereignisse. Diese kritische Analyse, die als politische Tendenz offen dargelegt wird, wirkt als stilbildende Kraft. Voraussetzung dazu war die Sichtung umfänglichen historischen Materials.

Die variationsbreite Verknüpfungsweise der beiden Filmebenen geht vom täuschenden Ineinanderübergehen - oft fragt man sich kurz, in welchem Tunnel man sich befindet - bis zur dialektisch kontrastierenden Montage. Diese Dramaturgie verlangt vom Zuschauer ein aktives Mitdenken über den Filmausschnitt hinaus. Hier sehe ich einen deutlichen Fortschritt gegenüber der «Zuständlichkeit» in der Darstellung vieler Schweizer Dokumertarfilme, so auch der früheren Filme von Villi Herman: «24 su 24» (1970) und «Cerchiamo per subito operai, offriamo...» (1972-74). Der Autor als Chronist befragt die Geschehen am Gotthard. Die In-Bezug-Setzung der historischen Ebenen lässt Gegenwart als Produkt eines vom Menschen getragenen Prozesses erkennen. Deshalb verkümmert «San Gottardo» in der klaren politischen Aussage nicht zur Illustration politischer Schlagworte und Vorurteile. (Ein Vergleich mit der historisierenden Methode in «Früchte der Arbeit» von A.J. Seiler wäre lohnend.)

Anhand der wirtschaftspolitischen Feldherrenarbeit Eschers (von Hans-Dieter Zeidler zu bieder dargestellt) skizziert Herman eine soziologische Physiognomie der erstarkenden Bürgerklasse. Der Spielfilm (Kamera: Renato Berta) gibt in einfachen «Tableaus», theaterhaft stilisiert, die Schachzüge auf dem politischen Parkett wieder, oft zu karikierend verkürzt, zu trocken-begrifflich. Formal sind diese Teile nicht voll in den Film integriert. Allzu oft bleiben sie illustrative Zugabe.

Offensichtlich ist es schwierig, dieses oft abstrakte und versteckte Bezugsgeflecht der bürgerlichen Unternehmerwelt bildlich darzustellen: Der Bürger übernimmt als Privatperson verschiedene Rollen und Funktionen und steht oft nur stellvertretend für umfangreiche Vorgänge. Die Abkürzungen durch Personalisierung und die durch zusammenfassende Hinweise - teils fast Symbole - überlasteten Bilder ergeben oft eine unfreiwillige Komik.

Das Leiden der Arbeiter

Die Arbeiter dagegen sind, was sie sind: Arbeiter. Ihre Darstellung gelingt besser. Es sind Arbeiter, die aus halb Europa - speziell aus Italien - herbeigelockt wurden, um unter schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen fremden Interessen zu dienen. Im Ausdruck ihres Leidens gelingen Renato Berta Bilderfolgen von grosser Intensität: In dunstiges Morgenlicht getaucht, liegt die Poebene vor uns. Durch die weite Landschaft zieht ein munterer Trupp. Je näher er dem Gotthard kommt, desto näher rücken die Berge zusammen; je enger der Pfad wird, desto öfter wird das fröhliche Lied von bangen Fragen unterbrochen. Der Berg wird diese Schar aufnehmen: Ihr Lebensraum schrumpft auf einen engen, schwarzen Tunnel... Migration wird in der linearen Bildfolge erfahrbar.

Die Kamera erzählt die Geschichte wie auf der Guckkastenbühne, in gleichbleibendem Rahmen ziehen die Bilder in Distanz vorbei. Die epische Schilderung folgt dicht dem historischen Geschehen und konzentriert sich auf dessen Verlauf.

Kämpfende Kamera

Die aktuellen Ereignisse werden dagegen eher hergestellt durch die Beobachtung von Fakten und eine dramatische Berichterstattung. Sie erhalten damit etwas Veränderbares. In diesem synthetischen Verfahren analysiert der Autor die Situation von heute (Kamera: Hans Stürm). In Dokumentaraufnahmen von unmittelbar sinnlicher Dramatik und in Frontalinterviews werden psychische Verelendung und Isolation der Arbeiter und ihre Gefährdung am Arbeitsplatz deutlich (18 Tote seit Baubeginn!). Die kämpfende Kamera Stürms ist zuvorderst dabei. Der Betrachter fährt mit in den Stollen, er erlebt aus dichter Nähe, wie sich das Ungetüm einer Baumaschine in den Stein frisst und wie, kurze Zeit später, Lärm, Rauch und herumfliegende Steine die Kamera einhüllen.

Dieser Frontbericht ist jedoch nicht durch die Gier nach Sinnessensation getragen. Stürms Dokumente vermitteln einen unmittelbaren Eindruck von den physischen und psychischen Strapazen dieser Arbeit. Ebenso präzis und sensibel dringt das Objektiv in die sogenannte Freizeit der Arbeiter: Ein Arbeiter pflegt sorgfältig seinen Wagen, der dicht bei der Baracke steht - am liebsten hätte er ihn wohl im Zimmer - dank dem Auto kann er ja, wenn auch nur für kurze Zeit, zu seinen Leuten ausbrechen. Denn hier hält ihn nichts als der Zwang zur Arbeit. Ein Zwang, der ihn festnagelt und gefangenhält: Wie gefangen sitzt er im leeren Speiseraum, der die Gemütlichkeit eines Wartesaals ausstrahlt. An der Wand hängt, wie aus hämischer Ironie, ein Panoramabild der Schweizer Alpen.

Die verbalen Verklärungen dieser Probleme von Unternehmerseite sind dieselben geblieben. Die äusserliche Parallele zum Bürgertum des 19. Jahrhunderts, wie sie Herman zieht, liegt im didaktischen Aufbau des Films begründet. Sie ist aber in ihrer Vereinfachung doch teilweise verfälschend. Wohl haben sich die gesellschaftspolitischen Gegensätze, grob gesehen, nicht verändert; ebenso bleiben wirtschaftspolitische Gründe für den Tunnelbau bestimmend. Festreden sind jedoch zuwenig signifikante Momente, um in dieser Hinsicht Genaueres auszusagen. Gern hätte man hier einen differenzierteren Einblick in das Geschlecht der «Drahtzieher». Da fehlt mir das mutige Vorstossen, wie wir es aus dem neuen amerikanischen Dokumentarfilm etwa kennen.

Der Film erhielt in Locarno, Sorrent, Mannheim verschiedene Preise, lobende Erwähnungen und Empfehlungen. Das Gesuch Villi Hermans um Entrichtung einer Qualititsprämie wurde vom Eidgenössischen Departement des Innern negativ beantwortet. Wenn man die Prämienverteilung der jüngsten Zeit durchgeht, darf man gespannt sein auf die Begründung des erstaunlichen Entscheids.

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SRF, 5/26/2016

From nn

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Neue Zürcher Zeitung, 5/13/2016

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cinemabuch.ch, 5/16/2019

From Mattia Lento

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areaonline.ch, 9/6/2007

From Gianfranco Helbling

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Der Mythos Gotthard
/ ZDF
de / 1/14/2011 / 14‘11‘‘

Interview mit Villi Hermann
From / RSI
it / 5‘37‘‘

Movie Datao

Genre
Documentary , Period piece
Running time
90 Min.
Original languages
German, French, Italian
Ratings
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ØYour rating6.5/10
IMDB user:
6.5 (6)
cinefile-user:
< 10 votes
Critics:
< 3 votes

Cast & Crewo

Maurice Aufair
Mathias Gnädinger
Roger Jendly
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Bonuso

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Der Mythos Gotthard
ZDF, de , 14‘11‘‘
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gText
Review Tages-Anzeiger
Jörg Huber
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Zur kulturhistorischen Bedeutung des Gotthardtunnels
SRF / nn
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Der Mythos Gotthard
Neue Zürcher Zeitung / Urs Hafner
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Essay zum Gotthardtunnel im Film
cinemabuch.ch / Mattia Lento
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Intervista con Villi Hermann
areaonline.ch / Gianfranco Helbling
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hAudio
Interview mit Villi Hermann
RSI / it / 5‘37‘‘
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