Romería
Carla Simón, Spain, Germany, 2025o
Marina, 18, orphaned at a young age, must travel to Spain’s Atlantic coast to obtain a signature for a scholarship application from the paternal grandparents she has never met. She navigates a sea of new aunts, uncles, and cousins, uncertain whether she will be embraced or met with resistance. Stirring long-buried emotions, reviving tenderness, and uncovering unspoken wounds tied to the past, Marina pieces together the fragmented and often contradictory memories of the parents she barely remembers.
Inspiriert von ihrer persönlichen Geschichte begleitet der neue Spielfilm der Katalanin Carla Simón (Été 93, Nos soleils) eine junge Frau in den 1990er Jahren auf der Suche nach Antworten über die Geschichte ihrer Eltern, die kurz nach ihrer Geburt an AIDS gestorben sind. Nach ihrer Matur muss Marina ein amtliches Dokument von ihren väterlichen Großeltern unterschreiben lassen, um ein Stipendium zu erhalten. So kommt sie von ihrer Heimatstadt Barcelona in eine kleine Stadt in Galicien, wo sie ihre Tanten, Onkel und Cousinen kennenlernt. Die junge Frau sammelt bruchstückhafte, teils widersprüchliche Berichte über das Leben ihrer Eltern zu Beginn der 1980er Jahre, die von der Aufbruchsstimmung der «Movida» getragen wurden – jener kulturellen Bewegung, die den demokratischen Übergang Spaniens begleitete. Mehr als zehn Jahre nach ihrem Tod bleibt die Krankheit, die sich Marinas Eltern durch Heroinkonsum zugezogen hatten, für die Grosseltern ein absolutes Tabu.
Feinfühlig zeichnet Simón das komplexe Beziehungsgeflecht dieser Familie, die von unbewältigter Trauer geprägt ist. Zugleich Fremde und Angehörige, rührt Marina an offenen Wunden, verschärft unterschwellige Spannungen, bringt aber auch Dinge zur Sprache – so gestehen ihr etwa ein Onkel und ein Cousin die unrühmliche Haltung der Großeltern angesichts der Krankheit ihres Sohnes. Durch ihre blosse Anwesenheit wird die Familiengeschichte neu geschrieben – und um diese Erschütterung festzuhalten, filmt Marina mit einer kleinen Digitalkamera Fragmente ihres Aufenthalts in Galicien. Diese Bruchstücke werden in den Film integriert, der sich zudem durch Auszüge aus dem Tagebuch von Marinas Mutter erweiert, schliesslich um eine traumähnliche Sequenz über den Freiheitsrausch ihrer Eltern vor Marinas Geburt. Romería, ein Begriff, der zugleich eine Pilgerreise und ein gemeinschaftliches Fest bezeichnet, erreicht in diesen Bildern seinen Höhepunkt. Die Suche nach Spuren weicht hier der Vorstellungskraft und wird zu einer existenziellen Reise, in der Schmerz und Freude nebeneinander bestehen.
Émilien GürGalleryo
