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Jusqu'à la garde

Xavier Legrand, France, 2017o

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In the midst of a divorce, Miriam Besson decides to ask for exclusive custody to her son, in order to protect him from a father that she is accusing of violence. The judge-in-charge of the file grants a shared custody to the father whom it considers abusive. Taken as a hostage between his parents, Julien Besson will do everything to prevent the worst from happening.

Häusliche Gewalt ist ein Problem, vor dem man viel zu leicht die Augen verschliessen kann. Dank herausragender Schauspieler, packender Bilder und fesselndem Erzähltempo bringt uns dieses Spielfilmdebüt nahe an eine dunkle Wirklichkeit. Zu Recht wurde es 2017 in Venedig mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet.

Pierfrancesco Basile

Wie schwer es sein kann, in Sorgerechtsstreitigkeiten die richtigen Entscheidungen zu treffen, das lotet Xavier Legrand in seinem Spielfilmdebüt auf beklemmend realistische Weise aus. Auch als Zuschauer weiß man lange nicht, wem hier zu trauen ist, der Mutter (Léa Drucker) und ihrem elfjährigen Sohn, die von häuslicher Gewalt sprechen, oder dem Vater, der um sein Umgangsrecht kämpft und von Denis Ménochet zwischen fürsorglicher Ruhe und explosiven Gewaltausbrüchen in der Schwebe gehalten wird. Während das Drama in der Gegenwart seinen Lauf nimmt, erschließt sich langsam aus behutsam eingestreuten Rückblenden die Vorgeschichte.

Anke Sterneborg

Ce premier long métrage est un véritable coup de maître. Xavier Legrand dépasse les conventions d’un sujet de société et propose un film épuré à l’atmosphère étouffante, qui prend réellement aux tripes.

Gérard Crespo

On ne dit pas par là que Jusqu’à la garde est un chef-d’œuvre, mais tout du moins un vrai film sachant évaluer ses distances avec le réel et mettre en jeu l’imaginaire. Dans le cadre du cinéma social à la française, c’est déjà beaucoup.

Marcos Uzal

Galleryo

Variety, 9/28/2018

From Elsa Keslassy

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Huffington Post, 12/5/2017

From James J. Sexton

All rights reserved Huffington Post. Provided by Huffington Post Archiv
Tages-Anzeiger, 9/4/2018
Unheimlich, aber wahr

Das geteilte Sorgerecht ist dem Vater in «Jusqu'à la garde» nicht genug – er will Rache.

From Pierfrancesco Basile

Schon die Eröffnungsszene zeigt, wie sorgfältig Xavier Legrand seinen ersten langen Spielfilm vorbereitet hat. Er hat Anwälte und einen Familienrichter befragt – und stellt seine Protagonisten nun in einer fast dokumentarischen, spannungsgeladenen Situation vor:

Links sitzt die zerbrechliche, müde wirkende Miriam (Léa Drucker), deren Unbeweglichkeit man nicht zu interpretieren weiss; rechts der korpulente Antoine (Denis Ménochet), der ein gefährlicher Grobian, aber auch bloss ein sehr simpler Mensch sein könnte. Dazwischen eine verunsicherte, irritierte Richterin, die innert weniger Minuten zugunsten der einen oder des anderen entscheiden muss. Ihre wachen Augen untersuchen die unbekannten Gesichter, dann wieder die Akten.

Schliesslich wird das Urteil gefällt: Der gemeinsame Sohn Julien darf bei der Mutter bleiben, muss aber jedes zweite Wochenende mit dem Vater verbringen. Das klingt wie ein Sieg der Mutter, ist es aber nicht; denn auf diese Weise hat Antoine die Möglichkeit, den Kontakt mit Miriam aufrechtzuerhalten. Und er hat nur noch eines im Sinn: sich für das Scheitern der Ehe zu rächen. Atemlos verfolgt man, was nach dem richterlichen Urteil passiert, wie leicht dass verletzte Gefühle in brutalen Hass umschlagen.

Familiäre Gewalt ist ein Problem, vor dem man gern die Augen verschliesst. Nicht so bei diesem Film: Dank herausragender Schauspieler (der junge Thomas Gioria gibt einen nur allzu glaubwürdigen Julien) und fesselndem Erzähltempo bringt uns Xavier Legrand unheimlich nahe an eine dunkle Wirklichkeit. Zu Recht wurde «Jusqu’à la garde» 2017 in Venedig mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet.

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8/22/2018
Angst, dass der Alte kommt

Ein Sorgerechtsdrama um einen Jungen und seine verbissenen Eltern wird zum psychologischen Horrorfilm: „Nach dem Urteil“ lässt uns im Kino mitleiden.

From Bert Rebhandl

Einer Familienrichterin in Frankreich liegt die Aussage eines elfjährigen Jungen vor, aufgenommen von einer Anlaufstelle namens „Puzzle“: Julien möchte seinen Vater nicht mehr sehen: „Ich kann nie im Garten spielen, weil wir Angst haben, dass der Alte kommt.“ Der Alte, das ist Antoine, der Vater, der bei einer Anhörung vor der Familienrichterin sitzt, weil er auf seinem Recht beharrt, mit dem Jungen regelmäßigen Kontakt zu haben. Neben ihm sitzt Miriam, seine Frau, die ihn längst verlassen hat, zudem sind zwei Anwältinnen dabei, die den Fall der Bessons jeweils ganz anders aussehen lassen. Die Entscheidung der Richterin fällt schließlich auf einer prinzipiellen Grundlage: Auch wenn Julien sich dagegen zu wehren versucht, so muss er doch regelmäßig zu seinem Vater. Die individuellen Umstände sind gewichtig, aber es muss vermieden werden, dass die Kinder „auf einer Seite“ sind.

Bis zu diesem Zeitpunkt ist auch der Film „Nach dem Urteil“ von Xavier Legrand noch darum bemüht, die neutrale Position des Gerichts nachvollziehbar zu machen. Der Staat versucht, auszugleichen, was im Leben der Menschen schiefgelaufen ist. Und so macht die Szene vor Gericht vor allem neugierig darauf, was es denn nun tatsächlich mit diesem Paar und den beiden Kindern auf sich hat: Ist Antoine vielleicht wirklich das Opfer einer missgünstigen Frau, die alles tut, um die gemeinsamen Kinder (neben Julien ist da noch Joséphine, die aber fast 18 und damit bald für sich selbst verantwortlich ist) gegen den ehemaligen Partner aufzubringen? Oder ist die Ablehnung von Julien berechtigt?

Ein Mann, der gern ein anderer wäre

Eigentlich könnte man sich hier nach Sympathie entscheiden, aber unwillkürlich sucht man selbst sofort nach Grundlagen für eine Entscheidung, die möglichst allen Beteiligten irgendwie gerecht wird. Julien haben wir bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gesehen, über den Vater kann man nach den Szenen vor Gericht durchaus den Eindruck eines vernünftigen Mannes gewinnen, was dem Gutachten entspricht, das Freunde aus einem Jagdverband über ihn abgegeben haben. Aus einem Jagdverband? Dieses Detail wird später noch eine Rolle spielen.

Für Xavier Legrand ist dieser Film die erste abendfüllende Regiearbeit. Dass ihn das Thema umtreibt, kann man aus dem Umstand ersehen, dass er davor schon einen Kurzfilm über die Familie Besson gemacht hat: In „Avant que de tout perdre“ wird erzählt, wie Miriam ihren Mann verlässt, weil sie sich vor ihm fürchtet. In „Nach dem Urteil“ wird diese Episode vorausgesetzt, man versteht den Film aber auch so, denn wie in einem analytischen Drama kommt allmählich an den Tag, wie es um Antoine tatsächlich steht. Im Kern erzählt Legrand von einem Mann, der gern ein anderer wäre oder der das zumindest vorschützt, denn er weiß, dass er das Vertrauen seines Sohnes erst wiedergewinnen muss. Für ihn ist Julien vor allem eine Geisel, mit der er Miriam erpressen kann. Im Auto, gleich nach den Übergabe, wird der Druck fast körperlich spürbar. Julien steigt ein, das automatische Geräusch erinnert daran, dass die Sicherheitsgurte geschlossen werden müssen.

Der Vater weiß eigentlich gar nicht so recht, was er mit seinem Sohn anfangen soll, er raucht stattdessen eine Zigarette, dann redet er auf Julien ein. Was sich in diesen Momenten zwischen den beiden Schauspielern ereignet, zwischen Dénis Menochet, der den Vater spielt, und Thomas Gioria in der Rolle von Julien, das zählt zum Intensivsten und Bewegendsten, was man im Kino derzeit erleben kann. Der Junge scheint sich ganz in sich selbst zu verkriechen, und alles, was der Vater aus ihm herauskriegen kann, ist Abwehr, und schließlich ein flehentlich verzerrtes Gesicht. Die Größe dieser Szenen liegt darin, dass sie eben (noch) nicht zu einem Urteil kommen: Man leidet mit dem Vater fast genauso wie mit Julien.

Als Sorgerechtsdrama, das allmählich in einen psychologischen Horrorfilm umkippt, wäre „Nach dem Urteil“ schon spannend genug. Die eigentliche Brisanz gewinnt Legrand daraus, dass er mitten in die Identifikationslogiken des filmischen Erzählens führt: Dénis Menochet macht aus Antoine eine große, gebrochene Figur und verdeutlicht dabei, dass die familiären Konstellationen zwischen Geborgenheit und Überwältigung (oder zwischen Liebe und Gesetz) manchmal an einen extremen Punkt kommen, an dem es eben nicht mehr nur um ein Gleichgewicht zwischen Verletzungen geht, sondern um Leben und Tod. In diesem Moment schlägt auch die Identifikation um, und der Film wechselt das Register: Für psychologische Einfühlung ist es zu spät.

Antoine bekommt in Demütigungen zurückgezahlt, was er davor angerichtet hat, als er erfährt, wie er von Julien genannt wird: Er ist „l’autre“. Die deutschen Untertitel übersetzen „der Alte“, aber das Französische geht weiter, denn Antoine ist schließlich tatsächlich der ganz Andere, der nicht nur mit dieser Familie, sondern überhaupt mit dem Familiären nichts mehr zu tun haben kann.

Xavier Legrand beendet das Drama mit einer pointierten Perspektive: ein Blick von Tür zu Tür aus der Nachbarwohnung auf eine Szene häuslicher Gewalt. Diese Türen sind im Alltag verschlossen, mit guten Gründen achtet man darauf, dass man in den privaten Räumen nicht beobachtet wird. In Sorgerechtsfällen ist die Tür die Grenze zwischen zwei Bereichen: Julien wird von der Richterin mehr oder weniger vor die Tür gesetzt, denn bei seinem Vater ist er nicht sicher. Am Ende erweist sich eine Entscheidung des Familiengerichts als die Grundlage dafür, dass Antoine auch zu einem Fall für das Strafrecht wird. Aber war es deswegen falsch, das „Puzzle“ so zu lösen? Das kann nur ein Publikum beurteilen, das in der Lage ist, auch „Nach dem Urteil“ seine Identifikationen immer erst in vorletzter Instanz zu verteilen.

All rights reserved Frankfurter Allgemeine Zeitung. Provided by Frankfurter Allgemeine Zeitung Archiv
àVoir-àLire, 2/22/2019

From Gérard Crespo

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Le Monde, 2/5/2018

From Thomas Sotinel

All rights reserved Le Monde. Provided by Le Monde Archiv
Libération, 2/5/2018

From Marcos Uzal

All rights reserved Libération. Provided by Libération Archiv
Interview Léa Drucker et Denis Ménochet
/ L’info du Vrai – CANAL+
fr / 2/7/2018 / 12‘00‘‘

Le discours engagé de Léa Drucker, Meilleure Actrice - César 2019
/ Canal +
fr / 4/23/2019 / 5‘28‘‘

Xavier Legrand, César 2019 de la Meilleure Réalisation
/ Académie des César
fr / 2/7/2019 / 25‘59‘‘

Rencontre avec Xavier Legrand et Léa Drucker
Laurent Weil / Cinéma Canal Plus
fr / 2/2/2018 / 15‘02‘‘

Interview avec Léa Drucker
/ Télérama
fr / 2/4/2018 / 3‘50‘‘

Spectaculaire Léa Drucker
From Augustin Trapenard / Boomerang - France Inter
fr / 31‘00‘‘

Movie Datao

Other titles
Nach dem Urteil DE
Custody EN
Genre
Drama
Running time
93 Min.
Original language
French
Ratings
cccccccccc
IMDb7.5/10

Cast & Crewo

Léa DruckerMiriam Besson
Denis MénochetAntoine Besson
Thomas GioriaJulien Besson
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Bonuso

iVideo
Interview Léa Drucker et Denis Ménochet
L’info du Vrai – CANAL+, fr , 12‘00‘‘
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Le discours engagé de Léa Drucker, Meilleure Actrice - César 2019
Canal +, fr , 5‘28‘‘
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Xavier Legrand, César 2019 de la Meilleure Réalisation
Académie des César, fr , 25‘59‘‘
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Rencontre avec Xavier Legrand et Léa Drucker
Cinéma Canal Plus, fr , 15‘02‘‘
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Interview avec Léa Drucker
Télérama, fr , 3‘50‘‘
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gText
Interview with director Xavier Legrand
Variety / Elsa Keslassy
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The Best Divorce Movies
Huffington Post / James J. Sexton
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Review Tages-Anzeiger
Pierfrancesco Basile
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Review Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bert Rebhandl
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Review àVoir-àLire
Gérard Crespo
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Review Le Monde
Thomas Sotinel
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Review Libération
Marcos Uzal
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hAudio
Spectaculaire Léa Drucker
Boomerang - France Inter / fr / 31‘00‘‘
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