r Mektoub, My Love: Canto Uno
Abdellatif Kechiche, France, 2017o
A young screenwriter returns to his Mediterranean home town where he falls into a love triangle between a local woman and the wife of a movie producer who’s offered to finance his next film.
«Mektoub» ist der arabische Ausdruck für eine schicksalshafte Entwicklung und Mektoub, My Love vielleicht der schönste Film des franko-tunesischen Regisseurs Abdellatif Kechiche (La graine et le mulet), der sich seit seinem freizügigen lesbischen Liebedrama La vie d’Adèle wiederholt als filmender Lüstling kritisiert sah – wogegen er sich vehement wehrte, bis ihm ein Hirnschlag im März 2025 ein tragisches Schicksal beschied. Anders als der Regisseur hat sein junges Alter Ego Amin im ersten Teil dieses autobiographisch inspirierten Films nach der Rückkehr vom abgebrochenen Medizinstudium in Paris in seine südfranzösische Heimatstadt Sète noch «alle Zeit der Welt»: die Zeit eines langen Sommers mit Freund:innen aus Kindheitstagen und neuen Bekanntschaften zwischen dem Restaurant seiner Familie und dem Strand, Versuchen als Fotograf und einer ersten Vorahnung der Berufung zum Film, vor allem aber Szenen von Vertraulichkeiten und Lügen, Verlangen und Eifersucht im denkbar alltäglichsten Gewand. Alle Zeit der Welt nimmt sich dabei auch Kechiche, um einzutauchen in die Geschichte des stillen Beobachters Amin und seines Cousins Tony, eines notorischen Schürzenjägers, der eine heimliche Affäre mit Amins engster Kindheitsfreundin hat und das Herz einer jungen Touristin aus Nizza bricht. Warum man dieser drei Stunden des Immergleichen nie überdrüssig wird? Weil das Kino selten so nah am Leben ist wie bei Kechiches obsessiver Suche nach Wahrhaftigkeit. Dies gilt genauso für die Geburt eines Lamms – einer zehnminütigen Auszeit vom Erzählfluss – wie für das ewige Spiel mit Anziehung und Abstossung der Geschlechter in Restaurants, am Strand oder in den allnächtlichen Disco-Infernos mit ihrem Magma berauschter Körper. Kechiche schöpft den Kreislauf von Ausgelassenheit, Entspannung, Ernüchterung und plötzlichen Erkenntnissen mit seinen Figuren aus und verstärkt die Magie des intensiven Augenblicks noch durch ein Paradox. Während der Film von der Suche, vielleicht auch Sucht nach solchen Momenten lebt, spielt seine ewige Gegenwart in der Vergangenheit des Jahres 1994: Wehmut durchzieht das Rauschhafte, alles ist flüchtig und bereits wieder vergangen, nur eine subversive Genugtuung bleibt: Kechiche verleiht den muslimischen Einwanderern, ihren ihren Söhnen und ihren Töchtern jene selbstverständliche Sinnlichkeit, die ihnen das französische Kino nie zugestanden hat. Mektoub!
Émilien Gür
