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Les petites fugues

Yves Yersin, France, Switzerland, 1979o

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The old farm servant Pipel treats himself with with a moped bought with his retirement money and, for the first time, explores the wider surroundings of the farm on which he has been working for thirty years. The excursions become the first steps out of his fateful dependency. But Pipe's urge for freedom and his growing defiance also influences the lives of the other farm dwellers.

Gute vierzig Jahre nach der Premiere sollte man es nicht mehr aus der Welt reden: Ein paar Längen gibt es schon in diesen 145 Minuten sanfter Subordination auf einem westschweizer Bauernhof. Doch Yves Yersins ethnografischer Blick, der die Poesie, den Mief und das Kuriose am Landleben so unbestechlich wie mitfühlend verzeichnet, stellt auch ein bleibende Qualität dar, und in den besten Momenten, etwa bei Pipes verpasster Kurve während der esten Mofafahrt, kommen Komik und Tragik unwiderstehlich zusammen. Noch immer bestechend zudem die sanft-subversive Lust des Films, der den jungen italienischen Saisonier zum natürlichen Verbündeten des alten Knechts macht und die rebellische Tochter des Hauses zum rechtlosen Ausländer bettet. Wunderbar doppelbödig schliesslich die Anspielungen auf die Macht des Kamerauges, wenn der alte Pipe zusätzlichen Aufruhr verursacht, nachdem er bei einer Tombola einen Fotoapparat gewonnen hat. Mit kindlicher Naivität hält er fest, was er sieht, manchen ist das schon zu viel.

Andreas Furler

Un beau film secret et poétique, qui demande un effort pour être goûté dans sa lenteur et sa délicatesse.

François Bonini

Galleryo

3/3/1980
Eine Geschichte von Glück

Yves Yersins gelungener Spielfilm-Erstling "Kleine Fluchten"

From Thomas Petz

Der Regisseur hatte ein strammes Aufgebot an braven, sozialkritischen Vorsätzen: er habe auf ein Erzählprinzip gebaut, das systematisch zwischen Alltags- und Freizeitszenen wechsle, und jeder Ausflug, den der alte Knecht Pipe (Michel Robin) mache, stelle fabelartig einen Schritt Pipes zur Rückgewinnung seiner Individualität dar. Sozialkritisches Biedermeier — wie tugendvoll.

Erfreulicherweise hat sich Yves Yersin nicht an dieses strenge Schema gehalten. Seine theoretischen Ansätze lösten sich bei der praktischen Arbeit auf — und das ist gut so. Es entstand ein Film, der sich zunächst einmal nur um seine Hauptfigur herum ordnet, eben um den alten Pipe, einen Knecht im Rentenalter, dessen Rücken von lebenslanger Arbeit schon leicht krumm ist, der sich aber eine kindliche Neugier erhalten hat.

Das Kindliche in Pipe ist sicher wichtiger als das Analytische. Von den ersten Rentengeldern hat sich Pipe nun ein nagelneues, blitzendes Moped gekauft. Davor steht er nun wie ein Kind vor einem Spielzeug, das ihm gefällt, das es jedoch noch nicht zu benutzen versteht. Pipe lernt also Mopedfahren, donnert krachend durchs Gehölz und verpasst die Kurven. Später macht er Ausflüge. Er fährt in die Umgebung, auf einen hohen Berg, zum Motocross-Rennen und schliesslich zum Matterhorn. Arbeiten tut er nur selten, er mag keine Pflichten mehr, und man kann Pipe auch nicht warnen, schimpfen oder strafen: er ist wie ein Kind, er kann seine Eskapaden nicht lassen.

Aus Yersins Film, der sich so wohltätig um die Rückgewinnung der Individualität kümmern wollte, ist etwas viel Schöneres geworden: eine sanfte, leicht betrunkene Komödie, menschlich und wundersam wie bei Tati; eine luftige herrliche Posse von einem grossen alten Narren, der dem Leben noch ein paar Schnippchen schlägt, indem er sich nicht einen Sarg, sondern ein Moped kauft. Kleine Fluchten ist eine Komödie der Entdeckungen und ein Film vom Glück. Pipe träumt davon nicht nur - er holt es sich auch.

Pipe zuzusehen, wie er betrunken vor Glück durch den Tannenwald rast; ihn zu erleben, wie er auf der Bergspitze ins Land und in den Himmel schaut, wie ihm dicke Tränen über seine wettergegerbten Backen laufen, weil er das alles gar nicht mehr begreifen kann; Pipe zu verfolgen, weil er Kleine-Jungen-Streiche ausführt, statt alterswürdig im Lehnstuhl zu sitzen und das Pfeifchen zu schmauchen — das alles vermittelt uns trübsinnigen Grossstadtkindern doch einen Hauch von Seligkeit: so ähnlich könnte es im Paradies auch sein.

Diese Glücksstunde des Kinos, frei von Actionwut und grübelnder Selbstbesinnung, verdanken wir auch dem Regisseur Yves Yersin, der sich viel Zeit (fast zweieinhalb Stunden) und vor allem viel Ruhe genommen hat, um den Zuschauer Pipes Lebensfreude mitkosten zu lassen. Yersin filmt behutsam, mit grossem Einfühlungsvermögen und mit einer so ergreifenden Ruhe, die aus der Leidenschaft kommt. Dabei fängt er Augenblicke ein, die man nur selten im Leben sieht, selten auch im Kino. Als Pipe mit dem Hubschrauber zum Matterhorn hinauffliegt, lässt er sich schnell wieder hinunterbringen: es ist keineswegs die Angst vor der Fliegen, sondern die Scheu, die Schönheit der Natur zu stören. Neben der unermesslichen Sehnsucht nach Glück liegt die Angst, es zu berühren und damit zu zerstören.

Yves Yersin hat — es wurde schon mehrfach angemerkt — zwei Haupttugenden des jüngeren Schweizer Kinos in seinem Film harmonisch vereinigt. Da ist einmal die schweigende Ruhe der Deutsch-Schweizer Dokumentarfilm-Schule, die ihr Handwerk mehr als politische Naturbeobachtung versteht und weniger als Kampffilm, und zum anderen der Sinn für die Emanzipation von Einzelpersonen, den man seit Jahren in den sensiblen Spielfilmen der Westschweizer (Tanner, Goretta und so weiter) erleben kann. Beides kommt hier glücklich zusammen. Die Gelassenheit des Dokumentaristen (Yersin hat etliche vorzügliche Dokumentarfilme gedreht) vereinigt sich mit der Vision eines Spielfilmregisseurs zu einer eindrucksvollen neuen poetischen Qualität. Yves Yersin ist eine seltene und erfreuliche Bereicherung für die Kinolandschaft.

All rights reserved Süddeutsche Zeitung. Provided by Süddeutsche Zeitung Archiv
Zeit Online, 2/14/1980

From nn

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cinemabuch.ch, 5/16/2019

From Vinzenz Hediger

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Tages-Anzeiger, 11/22/2018
Ein zärtlicher Erzähler

Am Donnerstag starb der Filmregisseur Yves Yersin in seiner Waadtländer Heimat. Er wurde 76 Jahre alt.

From Christoph Schneider

Es ist einer gegangen, zu früh, der uns oft vom Entschwinden erzählt hat in seinen Filmen. In Bildern und Tönen und Geschichten voll liebenswürdiger Melancholie und in der Hoffnung, es bleibe doch noch etwas von einer Zeit, als alte Kenntnisse und eine freundliche, widerspenstige Gemächlichkeit noch in Harmonie standen mit der Gegenwart. Man könnte die Filme von Yves Yersin, der jetzt gestorben ist, sehnsüchtig nennen. Und doch sind sie ungemein wirklichkeitshaltig, denn die konservative, bewahrende Unvernunft, die in ihnen steckte, weiss sehr gut, dass sie keine Chance hat gegen die Realität.

Mit «Die letzten Heimposamenter» (1974) begann Yersins unverwechselbare, zärtliche Erzählarbeit so richtig, das ist: mit einem Dokumentarfilm, der vom Sterben einer Lebensart handelte, von der Seidenbandweberei im oberen Baselbiet, von Erinnerungen an Schlafkammern, in denen es im Winter durch die Decke schneite, und an Kinderbetten in Kommodenschubladen, weil in den guten Stuben Platz sein musste für die Webstühle. Mit «Tableau noir» (2013) endete sie, diese Arbeit des dokumentierenden Erinnerns. Das war die Geschichte des Lehrers Hirschi aus Derrière-Pertuis im Jura, der einer letzten Klasse an seiner kleinen Gesamtschule noch einmal, die Rechtschreibung, das Rechnen und den menschlichen Anstand beibrachte, bevor die Behörden ihm seine Schule zusperrten. Weil die bildungspolitischen Budgets keine Ausnahmen vorsehen für individuelle Idylle. Der Lehrer Hirschi hatte aber zuvor einen guten Kampf gekämpft und hat im Weiler Derrière-Pertuis Spuren hinterlassen. Sodass seine Träume und die Versuche, sie zu verwirklichen, nicht vergeblich waren.

Darin glich der Hirschi ganz dem Knecht Pipe aus Yves Yersins grossartigem, einzigartigem Spielfilm «Les petites fugues» (1979). Der steht wie ein Denkmal aus realistischem, verträumtem Möglichkeitssinn zwischen den Posamentern und dem Pädagogen. Ewig lebensfrisch, sozusagen: wie er am Bahnhof auf sein blitzblankblaues Töffli der Marke Batavus Go Go wartete und damit dann gleich fadengrad in einen Strassengraben fuhr; wie aber so ein Mofa Freiheits- und Alkoholräusche beförderte und die Freude am Verspritzen von Senf. Der Pipe in seinem Altersübermut ist ja dann wieder ziemlich hart auf dem Miststock gelandet. Aber zuvor hat auch er träumend die Welt etwas wärmer gemacht.

Er überlebt nun seinen Schöpfer. Yves Yersin, sein Regisseur, geboren in Lausanne, ein Meister des Bewahrens, starb am Donnerstag in Baulmes in seiner Waadtländer Heimat. Er wurde 76 Jahre alt.

All rights reserved Tages-Anzeiger. Provided by Tages-Anzeiger Archiv
aVoir-aLire.com, 11/19/2018

From François Bonini

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Le Temps, 5/12/2006

From Thierry Jobin

All rights reserved Le Temps. Provided by Le Temps Archiv
Discussion avec Michel Robin (1979)
/ lespetitesfugues.ch
fr / 4/21/1979 / 5‘55‘‘

A propos de la création de l'affiche du film
/ RTS
fr / 10/1/1979 / 5‘34‘‘

Les succès du cinéma romand: les petites fugues
/ RTS
fr / 5/20/2019 / 02‘38‘‘

Discussion autour des "Petites Fugues" d'Yves Yersin
/ Cinémathèque suisse
fr / 5/16/2019 / 43‘39‘‘

Interview avec Yves Yersin
From / RTS
de / 04‘30‘‘

Movie Datao

Other titles
Kleine Fluchten DE
Genre
Drama, Comedy
Running time
131 Min.
Original languages
French, German
Ratings
cccccccccc
IMDb7.6/10

Cast & Crewo

Michel Robin Pipe
Fabienne Barraud Josiane
Fred Personne John
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Bonuso

iVideo
Discussion avec Michel Robin (1979)
lespetitesfugues.ch, fr , 5‘55‘‘
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A propos de la création de l'affiche du film
RTS, fr , 5‘34‘‘
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Les succès du cinéma romand: les petites fugues
RTS, fr , 02‘38‘‘
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Discussion autour des "Petites Fugues" d'Yves Yersin
Cinémathèque suisse, fr , 43‘39‘‘
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gText
Review Süddeutsche Zeitung
Thomas Petz
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Review Zeit Online
nn
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Essay zu Les petites fugues
cinemabuch.ch / Vinzenz Hediger
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Nachruf auf Yves Yersin
Tages-Anzeiger / Christoph Schneider
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Review aVoir-aLire.com
François Bonini
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Rencontre avec Yves Yersin
Le Temps / Thierry Jobin
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hAudio
Interview avec Yves Yersin
RTS / de / 04‘30‘‘
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