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Vaters Garten - Die Liebe meiner Eltern

Peter Liechti, Switzerland, 2013o

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The film is the protocol of a late re-encounter between the director and his parents - and the attempt at a personal historical revision. The result is a new picture of the parents, which also provides an insight into an era whose end has long since been sealed.

Man könnte sagen, Liechti sei ganz unkriegerisch ins System eines wertefesten Bünzlitums gedrungen, das auch in ihm hockt und in uns: als Gefahr, als Möglichkeit, als Nostalgie. Und deshalb ist er nun viel weiter gekommen als bis zum Porträt des Vaters, dieses lebensfrohen, hartnäckigen Rechthabers, (...) viel weiter auch als bis zum Porträt der Mutter, einer schwermütigen, frommen Frau (...), nämlich bis zum beständigen und überständigen Charakter einer Generation mit ihrer sturen Würde. Im Grunde, scheints, ist Peter Liechti aber zu sich selbst gelangt.

Peter Schneider

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11/25/2013
Verzweifelter Kasperl

Der Schweizer Filmemacher Peter Liechti porträtiert in einem grimmig-komischen Dokumentarfilm seine eigenen Eltern - als Hasen. Mit Hilfe, oder trotz, der Handpuppen kehrt der Film das Innerste der Figuren nach außen. Und macht daraus großes (Hasen)theater.

From Martina Knoben

Man könnte am Menschen ja manchmal verzweifeln. Im Großen (Weltkriege, Völkermord, Klimakatastrophe . . .), aber ebenso im Kleinen - man denke nur mal an die eigene Familie. Der Schweizer Filmkünstler Peter Liechti hat genau das getan, mit Lupe und Fernglas zugleich auf seine Eltern geschaut, auf ihre Ehe und die Beziehung zu ihren Kindern.

Ein grimmig-komischer Dokumentarfilm ist daraus entstanden, über zwei Menschen, die nicht zueinander passen, aber dennoch seit 62 Jahren verheiratet sind. Die auch zu ihrem Sohn Peter, dem Filmemacher, der nun auch schon über sechzig ist, nicht gepasst haben - wie sehr sich die drei aneinander abgearbeitet haben, lässt der Film erahnen.

Um mit den Eltern und dem, was sie sagen, überhaupt umgehen zu können, hat Liechti einen großartigen Kunstgriff gewählt. Er lässt Vater und Mutter als Hasen-Stabpuppen auftreten; Synchronsprecher sprechen das, was die Eltern auf Schweizerdeutsch gesagt haben, hochdeutsch nach. Da stehen also Papa Hase im frisch gebügelten Hemd und Mama Hase mit Küchenschürze und erzählen aus ihrem Leben: von Träumen, Depressionen, vom Glauben, von den Schwierigkeiten, die sie miteinander haben, und der großen Distanz zu ihrem rebellischen Sohn. Die Worte schweben druckreif, wie vorformuliert von der Puppenbühne oder begleiten aus dem Off diverse Alltagsszenen. Das Allerprivateste wirkt so gleichzeitig exemplarisch, weist über die individuellen Lebensläufe und Befindlichkeiten weit hinaus.

Was für ein Aufruhr das Erzählte beim Sohn auslöst, verrät die immer wieder wild zuckende Musik, die Liechti wie einen Kommentar über die Szenen legt. Und auch die Puppe, die der Regisseur als Stellvertreter für sich selbst gewählt hat, ist bezeichnend: Es ist ein verzweifelter Kasperl, der kahlköpfig vor den Hasenpuppen herumzappelt, oder den Kopf immer und immer wieder gegen ein Stehpult haut.

Nicht zimperlich

Manchmal geraten die Bilder - meist wenig spektakuläre Aufnahmen vom (realen) Alltag der Senioren - fast außer Kontrolle: Da brennt etwa eine Zypresse flammend grün vor dem herbstlich roten Schrebergarten des Vaters in den Himmel wie in einem surrealistischen Gemälde, oder die Träume der Eltern werden mit wackeliger Handkamera illustriert, die sich in einem schmalen Lichtkegel durchs Dunkle tastet wie bei Unterwasseraufnahmen.

Dass in Liechtis Filmen das Reale und das Fantastische keine Widersprüche sind, konnte man schon in seinem Filmessay "Das Summen der Insekten" (2009) sehen, der - aus der Perspektive des Verstorbenen! - von einem Selbstmord durch Verhungern erzählt. Dass Liechti nicht zimperlich ist, bewies das mit einem Europäischen Filmpreis ausgezeichneten Werk ebenfalls.

Auch "Vaters Garten" kehrt das Innerste der Figuren nach außen, und was da zum Vorschein kommt, wirkt irgendwie typisch für die Schweiz. Wie ja schon die Hasenpuppen ein - gelungener - Versuch sind, nicht nur die Eltern zu charakterisieren, sondern darüber hinaus eine Grundhaltung, die womöglich eine ganze Generation kennzeichnet. Einer der erschreckendsten Momente des Films ist die Erzählung des Vaters über seinen Wehrdienst während des Zweiten Weltkriegs, als er an der Grenze "die Fremden" davon abhalten musste, in die Schweiz zu gelangen. Ob er von den Konzentrationslagern gewusst hätte, fragt der Sohn. Der Vater bejaht - und ist froh über die Uniform, die er damals trug, die ihm das Handeln erleichtert hätte.

Es sind aber nicht nur die Angsthasen und Hasenherzen, die einem in den Sinn kommen beim Anblick der (hervorragend geführten) Stabpuppen. Wie deren Hasenschnauzen zittern, die Ohren beben, das ganze Gesicht in Bewegung ist, zeugt von der Empfindsamkeit und dem Charakter der Tiere. Über den Umweg des Spiels vermittelt sich die große Zärtlichkeit, die der Sohn trotz allem für die Eltern empfindet. Diese haben kleine Leben geführt, in die der Film ein wenig Einblick gewährt - Liechti macht großes (Hasen)theater daraus.

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Tages-Anzeiger, 9/25/2013
Die sture Würde des Bünzli

Fürchterlich liebenswürdig: Der Schweizer Filmemacher Peter Liechti («Signers Koffer») lässt in seinem Dokumentarfilm «Vaters Garten» die eigenen Eltern von sich erzählen.

From Christoph Schneider

Fassen wir zusammen. So alt, kahl und klug einer wird: Solange man Eltern hat, bleibt man ein Kind, ein liebendes im besten Fall, ein hassendes im schlimmsten oder etwas dazwischen, auch das soll vorkommen. Bei allem, was man tut, geht es doch nur um das eine: den Stolz des Vaters und das Leuchten in Mutters Augen. Und hat man es erreicht, ist es vielleicht auch wieder nicht recht, denn es erinnert einen an dieses Kindsein, das nicht endet, und das kann genierlich werden und ein Erwachsenenleben belasten.

Im Schweizer Kino ist das allein in diesem Jahr so oft ein dramatisches Grundmotiv und psychologisches Fundament gewesen - in Marcel Gislers «Rosie », in Bettina Oberlis «Lovely Louise» und jetzt im Dokumentarfilm «Vaters Garten» von Peter Liechti -, dass einem dazu schon fast nichts mehr einfällt als: So ist es halt, und wie es ist in seinem Kreislauf, ist es menschlich, bitterzart und fürchterlich; wobei man doch immer bedenken sollte, dass nicht mehr die Hebamme dran schuld ist, wenn man dann einmal stirbt.

Jedes Wort ein Haken

Unter den Filmen vom Glück und Elend familiärer Verhältnisse ist «Vaters Garten» der, welcher am schmerzlichsten ans Lebendige geht. Er ist der berührendste in seiner Unsentimentalität. Der fürchterlichste in seiner Liebenswürdigkeit. Der genauste in seiner Ambivalenz. Das ist, weil der Autor Peter Liechti, Jahrgang 1951, sich selbst an die lebendige, lang beiseitegelegte Kindlichkeit ging und den eigenen Eltern an ein Elterntum, von dem sie glaubten, sie hätten es überstanden, so wie ihre Liebe all die Lieblosigkeiten überstanden hat, die im Lauf von 63 Jahren Ehe so zusammenkommen.

Ein Sohn hört seinen Eltern zu und bekommt viel zu hören. Es sei nicht leicht gewesen mit ihm, viel schwierige' als mit Ursi, der Schwester, sagt die Mutter. Keine Harmonie. Immer nur Widerworte, gegen die sie sich nicht habe wehren können, und jedes ihrer Worte ein Haken, an dem er sie aufgehängt habe. Wirklich, sie hätte sich oft einen «einfacher denkenden» Buben gewünscht.

Nein, leicht wars nicht, gibt der Vater zu verstehen, nicht für einen, dem es nicht wohl ist, wenn keine Ordnung ist wie in seinem Schrebergarten, wo die Tomatenstecken gewaschen und etikettiert werden und die Erdbeeren ausgerichtet nach der Schnur wachsen. Und wenn er, der Peter, dann gekommen sei mit langen Haaren und zerrissenen Jeans, dann habe man sich also schon geschämt und sich gefragt, ob man eigentlich alles falsch gemacht habe.

Aber leicht wird es eben auch für Peter Liechti nicht gewesen sein, vermutlich, der hineinwuchs in rebellischere Zeiten und darin die Eltern verlor und gewissermassen abhängte für lange Jahre, nicht im Streit, sondern weil Vater und Mutter auch nicht anders konnten als zu sein, wie sie waren: die Kinder ihrer Eltern und ihrer Zeit.

Das ist die Ausgangslage und bereits eine gescheite Erkenntnis in «Vaters Garten ». Der Film ist ein Werk der Reife und der Versöhnlichkeit. Man könnte sagen, Liechti sei ganz unkriegerisch ins System eines wertefesten Bünzlitums gedrungen, das auch in ihm hockt und in uns: als Gefahr, als Möglichkeit, als Nostalgie. Und deshalb ist er nun viel weiter gekommen als bis zum Porträt des Vaters, dieses lebensfrohen, hartnäckigen Rechthabers, der seinen Garten diszipliniert und seine Frau, der er es immer noch nachträgt, dass sie sich die AHV auf ein eigenes Konto überweisen lässt (es fallen ihm da ein paar Schikänchen ein, dass einen schaudert). Viel weiter auch als bis zum Porträt der Mutter, einer schwermütigen, frommen Frau, deren Hoffnungen sich im Glauben aufgelöst haben und deren Liebe mit einem Schrebergarten konkurriert. Nämlich bis zum beständigen und überständigen Charakter einer Generation mit ihrer sturen Würde. Im Grunde, scheints, ist Peter Liechti aber zu sich selbst gelangt.

Aus Eltern werden Hasen

Damit es gelingen konnte, schuf ein erwachsenes Kind sich künstlerisch die nötige Distanz. In entscheidenden Momenten der Nähe verlässt der Film die alltägliche Realität der Liechtis und geht über in ein Puppenspiel (mit den Stimmen von Nikola Weisse, Horst Warning und Stefan Kurt). Dort werden aus Eltern braune Hasen, Fluchttiere mit Hemd und Küchenschürze, und Peter, der Sohn, und Liechti, der Filmautor, treten als schmerzgrinsende Marionette aus ihrer respektvollen Zurückhaltung und schlagen ihren Holzkopf auf den Holzboden Familie. Da nun, in Hochdeutsch gehaltenen Originalzitaten und einmal in einem wunderbaren Robert-Walser-Gedicht, konzentrieren sich die Hakenschläge eines Familienlebens, die Skurrilität des Beständigen und das Wehmütige und Schmerzhafte einer langen Liebesgeschichte, in der die Liebenden von sich sagen, sie hätten in all den Jahren in gar nichts zusammengepasst.

Mit dem Kopf gegen die Mauer

Nicht alle Fremdheit wurde überwunden, wir reden hier nicht von filmischer Versöhnungsmagie. Peter Liechti, der schwierige Sohn, ist auch im übertragenen Sinn manchmal mit dem Kopf gegen eine Mauer gerannt. Sie hoffe, sagt die fromme Mutter einmal, das Beten verhelfe ihr zu einer kleinen Wohnung im Haus des Herrn. Wo er lande ihrer Meinung nach, fragt der Sohn, und die Mutter zögert lang. Sie bete halt darum, dass er auch ins Paradies dürfe, sagt sie dann. Und die Schwester, die Ursi, die zu Besuch gekommen ist und noch besser als die Mutter weiss, wo Gott und der Teufel hocken, sagt gar nichts. Solche Abgründe überspringt einer auch mit dem feinsten Film nicht, wahrscheinlich.

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9/24/2013

From Irene Genhart

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Die Wochenzeitung, 9/25/2013

From Marcy Goldberg

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peterliechti.ch, 5/30/2019

From Peter Liechti

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peterliechti.ch, 5/30/2019

From Peter Liechti

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SRF, 9/24/2013

From Sibilla Semadeni

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Other titles
Father's Garden - The Love of My Parents EN
Genre
Documentary , Animation
Running time
93 Min.
Original language
German
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ØYour rating7.3/10
IMDB user:
7.3 (56)
cinefile-user:
< 10 votes
Critics:
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Cast & Crewo

Peter LiechtiDirected by
Peter LiechtiScreenplay
Peter GuyerDirector of photography
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