Hamnet
Chloé Zhao, UK, USA, 2025o
After losing their son Hamnet to plague, Agnes and William Shakespeare grapple with grief in 16th-century England. A healer, Agnes must find strength to care for her surviving children while processing her devastating loss.
Die irische Schriftstellerin Maggie O’Farrell (geb. 1972) gehört seit den frühen 2000er Jahren zu den Geheimtipps und spätestens seit ihrem vierten Roman zu den festen Grössen des internationalen Literaturbetriebs. Mit Hamnet von 2020 schliesslich, ihrer freien Fantasie über die Krise zwischen dem jungen William Shakespeare und seiner Frau Agnes nach dem Tod ihres Sohns Hamnet, wurde sie vollends zum Star. Mit einer einzigen Ausnahme allerdings wurde O’Farrell bislang nicht verfilmt. Dies dürfte sich nach Chloé Zahos Verfilmung ändern. Denn: Die gebürtige Chinesin und Oscar-Gewinnerin (Nomadland), die erst als Teenagerin in die USA kam, findet hier mit traumwandlerischer Sicherheit die adäquate Besetzung und Bildsprache für O’Farrell Naturmystik und romantischen Tonfall. Rauh und (modern) nonkonformistisch, wie da O’Farrells junge Landsfrau Jessie Buckley als Tochter einer Naturheilerin durch eine von Zeichen durchwirkte ländliche englische Alltagswelt des 16. Jahrhunderts streift, eigenwillig bis widerspenstig auch dann, als sich diese Agnes in den werdenden Dichter Shakespeare verliebt, der seinerseits von einem über sich hinauswachsenden Paul Mescal als ebenbürtiger Dickkopf verkörpert wird. Das Schreiben nötigt den Jungdramatiker nach London, dann bricht im Dorf die Pest aus, bringt Agnes nach aufreibendem Kampf um eines ihrer innig geliebten Kinder und raubt ihr schier den Verstand. Man muss das so beschreiben, denn so ist es gefilmt: als existenziellen Grenzgang in der Grau- und Grauenzone zu Verzweiflung und Wahnsinn, irgendwo zwischen alter Zeit und Moderne. Die resultierende Krise der jungen Ehe, die in die kathartische Aufführung von Shakespeares Trauerstück Hamlet mündet, ist ein weiterer ästhetischer Hochseilakt, bei dem Zhao dem Absturz in den Kitsch mit einer phänomenalen Montage praktisch immer um Haaresbreite entgeht. Keine Frage, dass dieses bereits mit zwei Golden Globes prämierte Bravourstück bei der Oscarverleihung vom März eine zentrale Rolle spielen wird.
Andreas FurlerGalleryo
