Mustang

Deniz Gamze Ergüven, Turkey, 2015o

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In a Turkish village, five orphaned sisters live under strict rule while members of their family prepare their arranged marriages.

Die in Frankreich lebende türkische Filmemacherin Deniz Gamze Ergüven erzählt in ihrem Erstling trotz tragischen Ereignissen in leichtem Tonfall. In warmen Farben zeigt sie den Alltag der Schwestern, gefilmt aus der Sicht der jüngsten. Die bildschönen Protagonistinnen, bis auf eine lauter Laien, werden dabei als Heldinnen inszeniert, die aufbegehren gegen die patriarchale ländliche Türkei. Zwar sind in dieser Geschichte einer Emanzipation Gut und Böse zu einfach aufgeteilt, dank der hervorragenden Darstellerinnen hallt sie gleichwohl nach.

Anna Kappeler

Nur noch Schwimmen im Bett bleibt, mit verkrampften Armbewegungen auf den rosa Laken, denn die jungen Mädchen dürfen nicht mehr raus aus dem Haus, wo die Großmutter und der Onkel sie züchtig fernhalten von der sexualisierten Welt und sie Stück für Stück verhökern in die Ehe mit jungen unsicheren, von der Familie gesteuerten Männern. Ein coming of age in einem türkischen Dorf, märchenhaft inszeniert von Deniz Gamze Ergüven. Eine sture, auf Keuschheit der Frau fixierte Männergesellschaft, dennoch, immer wieder: die listige, naive, böse, traurige Gegenwehr der Mädchen.

Fritz Göttler

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Time Out, 5/8/2016
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Tages-Anzeiger, 2/11/2016
Züchtig, aber wild durchwühlt

Das Oscar-nominierte ­Jugenddrama «Mustang» aus der Türkei begeistert mit seinem Freiheitsdurst. Doch die Realität ist komplizierter.

From Tugba Ayaz

Wir sind am Strand, Mädchen und Buben tollen im Wasser herum. Die nassen Schuluniformen kleben an den Mädchenkörpern, wir erkennen die Umrisse ihrer Hüften und Brüste. Später sagt Lale, die junge Erzählerin und eine der fünf Protagonistinnen von «Mustang»: «Erst waren wir frei, danach war alles nur noch Scheisse.» Das Drama aus der Türkei erzählt, wie das unschuldige Spiel am Strand das Leben der fünf Mädchen schlagartig verändert: Die Grossmutter und der Onkel, bei denen die fünf Mädchen seit dem Tod ihrer Eltern leben, sperren die Geschwister wegen ihres «unzüchtigen» Benehmens im Haus ein. Dort lernen sie kochen, ­nähen, putzen. Ihre modernen Kleider ­tauschen sie gegen lange, weite, braune Tücher – damit sie als Heiratskandidatinnen auf dem Markt Chancen haben.

Untypische junge Türkinnen

In ihrem Erstling zeigt die in Frankreich lebende türkische Regisseurin Deniz Gamze Ergüven, wie sich die Mädchen gegen die patriarchal geprägte Gesellschaft in der ländlichen Türkei auf­lehnen. Sie versuchen, sich aus den ­Fesseln der Tradition zu befreien – weg von Unterdrückung, häuslicher Gewalt, der drohenden Zwangsverheiratung. Die Bildsprache ist farbig verspielt, und inmitten der Trostlosigkeit leuchtet ­immer wieder die Lebenslust auf: Die Mädchen sonnen sich im Bikini auf dem eingezäunten Balkon, machen mit ihren Badehosen auf dem Bett Schwimm­bewegungen, fantasieren von Freiheit.

«Mustang», nominiert für den Oscar in der Kategorie bester fremdsprachiger Film, wird derzeit überall gelobt – ausser in der Türkei. Dass konservative ­Stimmen den Film als «Kritik an der türki­schen Kultur» werten, ist im Erdogan-­Land kaum überraschend. Aller­dings gibt es auch Kritik aus linken Kreisen: Man wirft dem Film eine un­differenzierte westliche Sichtweise vor.

In der türkischen Provinz findet die ­Repression von jungen Aufwachsenden durchaus statt. Doch die Mädchen entsprechen gar nicht dem Bild junger Türkinnen, die in einer streng traditionellen Familie auf dem Land leben. Aussehen und Verhalten erwecken eher den Eindruck, man habe sie direkt aus der Grossstadt einfliegen lassen. Sie sprechen astreines Istanbuler Türkisch, so wie es vor allem in sozial höheren Schichten der Fall ist. In der Schwarzmeerregion, die gerade für ihren Dialekt bekannt ist, wirkt das genauso befremdend wie die Kleidung: Die wenigsten Leute da können sich Markenturnschuhe leisten. Und Mädchen, die in streng traditionellen Familien auf­wachsen, haben selten die Wahl zwischen engen Jeans und weiten Kleidern. Diese müssen sie tragen, sobald sie ihre erste ­Regel haben. Dann werden aber auch die Haare unterm Kopftuch zusammen­gebunden – und nicht wild durchwühlt wie bei den Mädchen in «Mustang», die den Anwärtern auf dem Dorfplatz ohne Kopfbedeckung präsentiert werden.

Stimmt schon: Wir sind im Gefühlskino, die Kritik mag spitzfindig klingen. Doch die Widersprüche ziehen sich durch den ganzen Film – bis man sich fragt: Wie kann die Darstellung von kulturellen Codes in einem Drehbuch nicht zu Ende gedacht sein, von dem die Regisseurin sagt, es beruhe auf ihren eigenen Erfahrungen? «Ich habe nicht den Blick von aussen auf die Türkei. Die französische Kultur ist mir zwar näher, aber meine Geschichten sind von der Türkei geprägt», sagte Ergüven den Medien. Sie wurde in Ankara geboren, studierte in Johannesburg und lebt heute in Paris. Doch «Mustang» zeigt das Gegenteil: Es ist ein fürs westliche Publikum präparierter Film. Dass die französische Autorin Alice Winocour beim Drehbuch mitgewirkt hat, mag ein Grund dafür sein.

Welches Publikum Ergüven erreichen will, lässt sich schwer sagen. Aus beiden Perspektiven fehlte an Tiefgang: Für westliche Augen werden kulturelle Eigenheiten wie «namus», die Familienehre, oder die Zwangsehe kaum nachvollziehbar, da die Ursachen der patriarchalischen Gesellschaft ausgeblendet werden. Aus türkischer Sicht wirken die Figuren so überzeichnet, dass sich die dortigen Zuschauer kaum vom rebellischen Geist der Mädchen anstecken lassen würden. Aber wäre das nicht erstrebenswert?

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2/28/2016
Vergitterte Unschuld

Das Filmdrama "Mustang" von Deniz Gamze Ergüven erzählt von der archaisch anmutenden Repression selbst junger Mädchen in der ländlichen Türkei - und von der Unschuld des Widerstands.

From Fritz Göttler

Die junge Frau am Empfang des Krankenhauses kennt die Szene offenbar bereits, als die Familie erregt durch die Tür stürmt, sie bleibt völlig ungerührt. Es ist mitten in der Nacht. Guten Abend, sagt der Vater, dann kommt die Mutter gleich zur Sache: Wir haben unseren Sohn verheiratet, sagt sie, und das Mädchen blutet nicht.

Zuvor hatte man schon den Sohn nervös auf dem Brautbett rumzappeln und -suchen sehen, während vor der Tür die Eltern drängen: Komm, zeig uns das Laken. Sie wollen Blut sehen, das Zeichen für die Jungfräulichkeit der Braut.

Eine verglaste Schlafzimmertür, man sieht durch sie die drohenden elterlichen Schatten. Heiratsalltag in den ländlichen Gebieten der Türkei, der Horror der fehlenden Unschuld, der den Hochzeitsdeal, die Ehre der beteiligten Familien beschädigen würde. Das Gutachten des Arztes soll die Sache klären.

Fünf eingesperrte Mädchen als Buddymovie

Mit einer Rückkehr ins Dorf hat die Geschichte von "Mustang" begonnen, fünf Mädchen tollen fröhlich am Wasser herum, am Schwarzen Meer, im Norden der Türkei. Endlich Sommerferien, endlich Freiheit, Ungebundenheit und Lust. Fünf Schwestern, im Vor- und frühen Teenageralter, die Eltern sind tot, die Großmutter sorgt für sie.

Auch Jungs tollen mit, es wird gespritzt, und die weißen Schulhemden kleben an den Körpern. Eine Nachbarin ist empört und denunziert die fünf: Obszönität. Die Großmutter fügt sich, die Mädchen müssen im Haus bleiben, dann holt sie noch den Onkel dazu.

Deniz Gamze Ergüvens erster Spielfilm ist ein Buddymovie mit Mädchen, und seine verschworene Gemeinschaft ist frech und fröhlich, manchmal auch ziemlich enervierend - das hatte dem Film eine Nominierung für den besten nicht-englischsprachigen Film bei den Oscars eingebracht.

Emanzipation als Tom-Sawyer-Geschichte

Fünf Mädchen auf engstem Raum, in innig-lustiger Gemeinschaft, das ist eine Menge Albernheit und Lachen, Pop und Pink. Der Onkel, mit der Großmutter als Exekutivkraft, muss das alles mühsam reduzieren. Keine Handys, keine Jeans, auch die langen Haare sind unangemessen. Die Mädchen sehen sich mit Haushaltsarbeit konfrontiert, das Haus wird vergittert. Einzeln werden die Mädchen jungen Heiratsanwärtern vorgestellt.

Das ist unfasslich bitter und erschreckend komisch, dieser Horror kleinbürgerlicher Mittelmäßigkeit und Spießigkeit. Aber eben diese wecken auch die Widerspenstigkeit der Mädchen, ihre Tom- Sawyer-Erfindungskraft. Sie "schwimmen", weil es nicht mehr an den See gehen darf, in ihren Betten und klettern heimlich aus dem Fenster.

Es geht zu Jungs oder sogar zu einem Fußballspiel ins Stadion - die Mädchen sind Fans, haben noch kein Spiel ausgelassen. Der Stadionbesuch provoziert den tollsten aller Streiche, da sind alle Frauen beteiligt, gegen die gesammelte Männerschaft des Dorfes, und es geht bis zum totalen Stromausfall.

Sie schläft mit der ganzen Welt

Deniz Gamze Ergüven ist nah dran an den Mädchen mit ihrer Kamera, lässt uns ihre Intimität spüren, die Repression, der sie ausgesetzt sind. Ihre Renitenz ist die reine Unschuld, ihr Freiheitsdrang ist verführerisch und trifft immer wieder auf Solidarität. Sie waren also keine Jungfrau, fragt der Arzt, als er sich an die Untersuchung der verdächtigen Braut macht, und sie nickt. Das bleibt unter uns, meint der Arzt, dann legt sie sich hin, und er leuchtet mit einer Lampe die kritische Stelle aus.

Ich schlief mit der ganzen Welt, sagt sie verträumt, und ihr Schoß strahlt ganz intensiv, von der Lampe des Arztes. Natürlich ist sie doch Jungfrau, ihr Häutchen ist einfach nicht gerissen. Warum sagen Sie das, fragt der Arzt. Es ist spät, ich bin müde, sagt sie. Lasst mich doch alle in Ruhe.

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2/22/2016
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Spiegel Online, 2/23/2016
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TAZ, 2/24/2016
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Interview with Director Deniz Gamze Ergüven
David Poland / DP/30: The Oral History of Hollywood
en / 12/3/2015 / 39‘02‘‘

Movie Datao

Genre
Drama
Running time
97 Min.
Original language
Turkish
Ratings
cccccccccc
ØYour rating7.6/10
IMDB user:
7.6 (34164)
cinefile-user:
< 10 votes
Critics:
< 3 votes

Cast & Crewo

Güneş Nezihe ŞensoyLale
Doğa Zeynep DoğuşluNur
Elit İşcanEce
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Bonuso

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Interview with Director Deniz Gamze Ergüven
DP/30: The Oral History of Hollywood, en , 39‘02‘‘
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gText
Review Time Out
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Tugba Ayaz
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