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Die fetten Jahre sind vorbei

Hans Weingartner, Germany, Austria, 2004o

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Three activists cobble together a kidnapping plot after they encounter a businessman in his home. (TMDB)

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The Left Film Review, 5/10/2012

From Kate Devlin

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11/24/2004
Wildes, freies Leben: „Die fetten Jahre sind vorbei“

Drei junge Menschen begehren gegen die Gesellschaft auf. Aus der Spaßguerilla wird jedoch bald bitterer Ernst. „Die fetten Jahre sind vorbei“ mit Daniel Brühl erzählt von Freundschaft, Liebe und Rebellion.

From Michael Althen

Smarte Idee, sexy Schauspieler, super Musik ... Was will man mehr vom deutschen Film? Auch wenn man fairerweise sagen muß, daß der Regisseur Hans Weingartner ein Vorarlberger ist und die Österreicher auf seine Teilnahme in Cannes auch mächtig stolz waren. Einerlei. Hauptsache, man fühlt sich in dem Film zu Hause. Was ja ohnehin das Geheimnis der besseren Filme ist: daß man nach kürzester Zeit so drin ist, daß man nicht mehr darüber nachdenkt, wo der Film herkommt. Bei deutschen Filmen ist das selten genug der Fall.

„Die fetten Jahre sind vorbei“ erzählt von Freundschaft, Liebe und Rebellion und davon, wie sich diese Dinge oft gegenseitig im Weg stehen. Zwei Jungs, Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg), steigen nachts in Berliner Villen ein, und wenn die Besitzer aus dem Urlaub zurückkommen, dann ist zwar nichts gestohlen, aber die Ordnung auf den Kopf gestellt. Die Möbel sind zum Turm gestapelt, die Meißner Porzellanfiguren fein säuberlich in die Kloschüssel geschichtet, und die Stereoanlage findet sich im Kühlschrank wieder. Alles ist noch da, aber nichts an seinem Platz. Dazu ein Bekennerschreiben, das mit großen Lettern verkündet: „Sie haben zu viel Geld“ oder „Die fetten Jahre sind vorbei“. Unterzeichnet sind die Briefe mit „Die Erziehungsberechtigten“.

Ein Denkzettel für die Gesellschaft

Jan geht es bei diesen Aktionen darum, der Gesellschaft einen Denkzettel zu verpassen, Peter will vor allem seinen Spaß haben. Vielleicht ist das aber auch gar nicht so genau zu trennen, und der Nervenkitzel und ihr nicht mehr ganz so jugendlicher Übermut spielen genauso eine Rolle wie das Bedürfnis, ein Unbehagen auszudrücken, für das sie sonst nicht die richtigen Worte finden. Tatsächlich wirken ihre Scheiterhaufen der Konsumgesellschaft, zu denen sie die Möbel auftürmen, eher wie Kunstinstallationen denn wie ein revolutionäres Fanal.

Ehe die Villenbesitzer mit der Bescherung konfrontiert werden, sieht man ihre verwaisten Anwesen auf den Bildern der Überwachungsmonitore, in Einstellungen, in denen die Räume wie Totenkammern im Dämmerlicht liegen und darauf zu warten scheinen, daß sich ihnen eine Geschichte einschreibt. Die Aufnahmen wirken wie Fehlerbilder, bei denen man nicht gleich auf den ersten Blick erkennt, was in ihnen nicht stimmt.

Gegen die Bonzen

So wie der Film das zeigt, kommt es dabei ganz auf die Perspektive an: Was den einen als Sinnbild des häuslichen Glücks erscheint, ist den anderen Ausdruck einer verkehrten Weltordnung. Und wenn Weingartner unter den Vorspann ein Stakkato von Grundrissen legt, dann finden diese Blaupausen von Ordnung in den vier Wänden durchaus ihre Entsprechung in der Schablonenhaftigkeit der Begriffe, mit denen die Spaßguerrilla des Films dagegen vorgeht: die kleinbürgerliche Moral, die Bonzen, das Scheißsystem.

Zwischen Peter und Jan steht Jule (Julia Jentsch), die erst mit dem einen im Bett ist und sich dann in den anderen verliebt. Vor Jahren hat sie ohne Versicherungsschutz einen Unfall gebaut und muß seither hunderttausend Euro abstottern. Wenn Jan sie fragt, wovon sie träumt, geniert sie sich, als sie antwortet: „Wild und frei zu leben.“ Davon träume doch ohnehin jeder zweite. Das macht es natürlich nicht weniger richtig - und nicht zuletzt das Kino ist dazu da, solche Träume zu realisieren.

Die Wahrheit hinter den Floskeln

Was den Moment aber so berührend macht, ist nicht nur die Tatsache, daß Jule dabei tatsächlich zu erröten scheint, sondern daß es Weingartner gelingt, im Spiel seiner Darsteller die Wahrheit hinter den Floskeln zu erhaschen. Er trifft die ungelenke Annäherung von Jule und Jan und ihr jähes Glück genauso gut wie den Ton der abgespannten Familien bei ihrer Rückkehr in ihre Häuser oder den spitzen Tonfall der Gäste, die einen Obstbrand zurückgehen lassen, weil er im falschen Glas serviert wird.

Es kommt, wie es kommen muß: Einer der Villenbesitzer (Burghart Klaußner) kehrt zurück, und in ihrer Panik schlagen sie ihn nieder und entführen ihn in eine verlassene Tiroler Berghütte, die Jules Onkel gehört. Wer aber fürchtet, nun werde sich der Film den Zwängen des Genres fügen, stellt erleichtert fest, daß Weingartner kein Interesse daran hat, Hollywood zu spielen. Das Trio ist mit der Situation hoffnungslos überfordert, und die revolutionären Parolen zerschellen an der Wirklichkeit. Der leibhaftige Klassenfeind entpuppt sich als Altachtundsechziger, der in seinen Entführern seine eigene Vergangenheit wiedererkennt und so freudig am Joint zieht und von Rudi Dutschke erzählt, daß die Kinder der Revolution ganz betreten sind.

Das Lebensgefühl im Blick

Natürlich ist das alles zum Lachen: wie die Generationen einander wie im Spiegel betrachten und ihre Utopien zur komischen Fratze verkommen. Aber eine Komödie ist „Die fetten Jahre“ deswegen noch lange nicht, weil Weingartner immer das Lebensgefühl, das unter den Floskeln mitschwingt, im Blick behält. Kann schon sein, daß die drei lächerlich wirken in ihrem unbeholfenen Bemühen, ihr Handeln zu rechtfertigen, aber Weingartner ist weit davon entfernt, sich über sie lustig zu machen. Seine Helden sind vor allem menschlich in der Art, wie sie nicht aus ihrer Haut können. Man hat ihm vorgeworfen, er beziehe keine klare Haltung und verrate das Politische ans Private - als führte der Film nicht nochmals vor Augen, daß beides unlöslich verbunden ist und man sich gerade hüten muß vor jenen, die das eine vom anderen trennen können.

Im Grunde ähnelt Weingartner seinen Helden. Er stapelt die Versatzstücke der Utopien, ihre Parolen und Floskeln übereinander, stellt die Ordnung auf den Kopf, aber macht nichts kaputt. Auch das ist eine Kunst.

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Behind the Scenes
/ Deutsches Kino
de / 11/19/2006 / 8‘16‘‘

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Genre
Drama, Comedy, Crime/Thriller
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127 Min.
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German, English
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